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Die Tafeln in Köln-Porz: Wahrheiten, bei denen der deutsche Staat gern wegsieht

Tafel Köln-Porz, rs, 2019

rs

„Deutschland, ein Land, in dem wir gut und gerne leben“, sagte Frau Dr. Angela Merkel im Wahlkampf und meinte es wohl auch so. Nur können zunehmend immer weniger Menschen hier gut leben. Ob sie es dennoch gerne tun, könnte als fraglich bezeichnet werden.

Für viel zu viele bedeutet es jedenfalls, dass am Ende ihres Lebens oft nur noch der Weg in die Armut bleibt. Bleiben wird.

Erste Rentenkassen kürzen aufgrund jahrelanger EZB-Null-Zinspolitik nun ihre Zahlungen. Lebensversicherer stehen vor dem Aus. So steht neben der bröckelnden Rente auch die private Altersvorsorge vor dem Kollaps.  Das in Zeiten, wo ohnehin vieles unsicherer wird. Eigentlich wird klar, dass der angenommene Wohlstand an reichlich vielen Prämissen hängt.  Viele dieser Voraussetzungen waren nie und sind nicht mehr gegeben.  An dieser Stelle muss noch nicht mal Pech im Spiel gewesen sein.

Salat zu Hauf, rs, 2019
Salat zu Hauf, rs, 2019

Die Tafeln
Die Tafeln in Deutschland versorgen die, über die man ungern in den Medien berichtet. Diejenigen, deren Rente oder Einkommen nicht reicht. Oder nach dem Tod eines Ehepartners nicht mehr reicht. Oder die Unfälle hatten. Oder alleinerziehende Mütter.

Kurz die, die man gern übersieht. Wo man auch gar nicht so genau wissen will, wie diese Menschen zurechtkommen. Zumal hunderttausende Rentner mit Minirenten aus Scham nicht aufstocken, sondern sich auch mal durchhungern. Von Monat zu Monat.

So öffnet auch einmal die Woche die Verteilerstelle Köln-Porz ihre Pforten. 25 ehrenamtliche Helfer, deren Altersdurchschnitt 72 (!) ist, schuften von sieben Uhr morgens beginnend bis zum Abend, um an bis zu einhundert bedürftigen Gästen und deren Familien Lebensmittel auszuhändigen, die Unternehmen, Discounter und Händler gespendet haben.

Kistenweise Himbeeren, rs, 2019
Kistenweise Himbeeren, rs, 2019

Hunderte Kilo Waren werden von älteren Menschen, teilweise zittrig, unter Mühen sortiert, aufbereitet, umgepackt und vorgehalten. Noch bevor der erste Gast kommt. Junge Menschen, Aktivisten, sieht man nicht. Darauf angesprochen, lachte man. Das wäre doch Arbeit. Dafür findet sich niemand.
Ein IT-unterstütztes Erfassungssystem der Marke Selbsthilfe, basierend auf den Angaben der Sozialscheine der Stadt Köln dient als Grundlage, mit Bezugsausweisen und Ausgabeprocedere, garantiert eine faire und zügige Ausgabe an die Gäste. Der Erfinder dieses „(teil)digitalisierten Wunders“ ist 74, wiegt 148 Kilogramm und schafft keine 200 Meter gehend am Stück ohne Schmerzen. Dennoch ist er überall dort, wo eine Hand gebraucht wird.
Dass sich das Publikum stark verändert hat,  wird auch gesagt. Umständlich verklausuliert in pc-gemäßer Sprache und dem Schreckgespenst Essener-Tafeln im Hinterkopf:
hier der damalige Artikel des Autors dazu.

Ja, vor ein paar Jahren waren da viel mehr deutsche Senioren. Doch dann kam die Phase der „jungen Männer“ und seitdem kämen mit Masse nur noch zugewanderte Gäste, deren Art von „zivilisiertem Verhalten“ oft nicht ausreichend ist.
So zeigte eine Frau während des Besuchs wenig Rücksicht oder gar Einsicht in das Verteilungsprocedere. Sanktioniert wird wie auf dem Fußballfeld. Gelbe und rote Karten. Andere Handhaben hat der zivile Verein nicht.
Dennoch war das die sichtbare Ausnahme. Wenn auch diese Dame schon reichlich durch Bekannte, Familie oder Freunde erhalten konnte.

Andere sind Mitte der 90er nach Deutschland gekommen, arbeiteten zwanzig Jahre , jetzt, wo sie älter sind, reicht die Rente nicht. Vorhersehbar könnte man sagen. Das sind dann die Momente, in denen man  als Journalist gern mal seine Notizen sortiert, damit die Menschen Zeit haben die Tränen unauffällig wegzublinzeln.

Ein anderer ist seit zwei Jahren arbeitslos. Natürlich älter als 30.  In Deutschland ist es dann gemeinhin schwieriger einen Job zu finden. 47 Beitragsjahre sind angedacht, aber diese zu erreichen, ist schwer. Das schafft natürlich Potential für das Gästekonzept der Tafeln. Und deren ehrenamtliche Mitarbeiter, die deutlich älter als 30 sind. Spätestens hier wird die eine oder andere Denkblase unserer Politiker sichtbar.

Es kommt eine junge Ärztin, die aber noch diverse Scheine neu machen muss, damit sie hier als Medizinerin anerkannt wird. Ja, selbst wirkliche Fachkräfte, die wir hier brauchen und wirklich haben wollen, benötigen die richtigen Zertifikate. Bis sie diese haben, stehen sie dann bei den Tafeln an. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen.

Dann ist da die junge Afghanin mit Kind. Alleinstehend und unter widrigen Umständen den Taliban entkommen. Diese Taliban könnten theoretisch auch in der Schlange stehen, da Taliban in Deutschland Asyl bekommen. Besser nicht darüber nachdenken, sagt man sich in solchen Momenten.

Misstrauische Blicke von Seiten derer, die man früher zum „Fahrenden Volk“ zählte. Die fahren auch wieder. Sobald sie fertig waren, wurden zwei Damen mit dem Auto abgeholt. Der Kofferraum war prall gefüllt. Natürlich ein Einzelfall. Schließlich sah man nur diesen einen Wagen bis zur Tür der Ausgabestelle vorfahren. Diese Einzelfallstatistik wird oft bemüht.

So stehen sie alle an. Es regnet. Temperatur ist eisig. Ältere Gäste haben Probleme mit den erkalteten Gelenken. Jeder hat seine Rolleinkaufstasche oder eine große Packtaschen dabei. In dem Wissen, dass es hier nur einmal pro Woche etwas gibt. Doch jeder weiß, dass hier keiner abgewiesen wird, solange er seine Bedürftigkeit nachweisen kann. Mit dem Sozialschein der Stadt. Nur werden registrierte Gäste anderen Besuchern vorgezogen, bis diese durch sind. Dann kann jeder Ware empfangen, gemäß der Wartenummer, die jeder bei Ankunft zugeteilt bekommt. Ausnahmen werden nur bei Leuten gemacht, die behindert oder krank sind, das oft stundenlange Ausharren nicht mehr schaffen.

Im Ausgaberaum ist es ruhig. Jeder Gast bekommt einen Begleiter, der mit herumgeht und gemäß der Familiengröße benötigte Waren austeilt. Schließlich muss das, was da ist für alle – bis zum Schluss reichen. Ein rhetorischer Balanceakt, der nicht immer gelingt und auch zu Ärger führen kann. Dennoch bleibt es heute, am St. Nikolaustag, ruhig.

Es wurden auch Blumensträuße gespendet. Ein kleines Mädchen fragt, ob sie einen haben dürfte.  Für ihre Mutter.
Armut kann schneller kommen, als man denkt. Manchmal reicht es auch sich verplant zu haben. Oder die Spielregeln werden verändert, ohne dass man seinen Plan angepasst hat. Oder es passiert ein Unfall. Oder die EZB fährt die Zinsen so lange runter, bis Inflation und andere Nettigkeiten die Altersvorsorge aufgefressen haben. Still und heimlich. Dann steht man da. Bei den Tafeln. Die Folgen der Altersarmut sind hier beschrieben.

Man sollte ruhig erwähnen, dass 23 der 25 ehrenamtlichen Helfer selbst auf Unterstützung angewiesen sind. Selbst die Hilfe empfangen. Wie auch ein Marokkaner, der mit seiner Frau dort mithilft, das Management im Ausgaberaum führt. Die beiden Jüngsten im Team, die den Altersdurchschnitt deutlich gedrückt haben.
Einige der Gäste helfen mit, wenn ein neuer Transporter kommt. Aber die Masse der dort Wartenden könnte als „inaktive Empfängergestalten“ angesehen werden, die irgendwie meinen, es wäre ihr Recht dort etwas zu bekommen. Eine Mentalität, die vor ein paar Jahren auch anders war. Dennoch hört man vereinzelt ein schlichtes „Danke“. Mitunter auch herzliche Verabschiedungen. Man kennt sich untereinander. Das ist schön. Nur fragt man sich als normal denkender Mensch, ob man sich darüber wirklich freuen kann. In einem Land, das gern mal für das Klima auf die Straße geht. Das von hier und durch uns allein nicht zu retten ist, aber dann so viele bedürftige Menschen auf die Hilfe eines Vereins angewiesen sein lässt.

Wo man mal eben Milliarden für weitere Flüchtlinge bereitstellt, und diese dann auch in die Schlange der Tafeln stellt, weil sie hier beruflich chancenlos sind. Andererseits aber werden diese Tafel-Vereine durch die Stadt in keinster Weise gefördert. Finanzämter  versuchten sogar, Lebensmittelspenden beim Spender zu besteuern!

Es wäre doch mal nett, wenn man als Kommune diesen Menschen beispielsweise zu Weihnachten, mal ein wirklich gutes Essen spendiert. Es wäre doch anständig  als Kommune einmal DANKE zu sagen. Zumal diese Leute selbst auch nicht aus Langeweile, wie der örtliche Rotary- oder Lions-Club, gemeinnützig tätig sind. Selbst auch Not leiden. Andererseits ist das Talergrab der Kölner Oper mit über 700.000.000 Euro noch unterfinanziert. Schwerpunkte machen Sinn. Armut ist gestaltbar.

Tüten voller Lebensmittel, rs, 2019
Tüten voller Lebensmittel, rs, 2019

 

Als Bürger der Stadt Köln und als Mensch möchte ich mich hier an dieser Stelle bei den netten Mitmenschen der Tafeln in Köln-Porz ausdrücklich für ihr Engagement bedanken.

Für ihr aufopferungsvolles Tun, selbst im hohen Alter noch helfen zu wollen. Selbst mit schwindender Kraft, zitternden Händen und schmerzenden Gliedern. Dort zu stehen, wo keine Kamera ist, die Medien nicht auf den neuen Messias warten und junge Aktivisten lieber fern bleiben. Ich wünsche daher diesen lieben Menschen viel Kraft, ein gesegnetes Fest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Leider ahne ich, dass sie nächstes Jahr noch viel mehr gebraucht werden.

Kurzzusammenfassung

Über die tapferen Helfer der Tafel in Köln – Porz

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